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von Petra Mild, Vilsbiburg
Abu ist tot! Er hat es nicht geschafft, den Kampf gegen das Virus verloren. Ich kann es immer noch nicht fassen. Ich dachte
, ich weiss nicht was ich dachte, vielleicht dass ich ihm helfen könnte, dass ich ihn retten könnte. Wie naiv ich doch bin! Jetzt frage ich mich sogar was ich hier eigentlich mache. Alles scheint mir ohne Sinn. Es ist so unfair! Dieser kleine, unschuldige Junge, der so viel Energie hatte, Lebenslust, die er nie richtig ausleben konnte.
Als ich Abu und seine Brüder vor mehr als 5 Monaten das erste Mal besuchte, war er relativ stabil, jedoch selbst zu dieser Zeit fiel es ihm schwer ohne Hilfe zu gehen. Aber er versuchte es immer und wollte nicht abhängig sein. Er wollte in die Schule gehen. Er genoss es anderen Kindern beim Spielen zuzusehen. Selbst konnte er nicht mit herumtollen. Abu war klein, zu klein, aber er hatte ein grosses Mundwerk. Er plapperte immer ohne Punkt und Komma. Er mochte es mit einem Luftballon zu spielen. Das konnte man auch im Sitzen machen.
Bei meinen Hausbesuchen nannte er mich immer Muzungu, was ich ja eigentlich nicht mag, aber bei Abu machte es mir nichts aus. Während der Zeit im Krankenhaus fing er schliesslich an Mama zu mir zu sagen. Das fand ich nicht gut. Ich wollte nicht, dass er sich zu sehr an mich gewöhnt und dann traurig ist, wenn ich weggehe. Nun bin ich jedoch die jenige, die traurig ist, weil er weg ist
Anfang Januar, zum Beginn des neuen Schuljahres brachte ich Franky und Hatschi, seine beiden Brüder ins Waisenhaus. Aufgrund der schlechten Situation zuhause bei der Grossmutter und den Bedingungen im Slum, soll ihnen das Zentrum bessere Zukunftschancen bieten. Leute, die sich um sie kümmern, Spielkammeraden, eine Schule, die nicht weit weg ist, Hausaufgabenbetreuung, einfach ein sicheres und geborgenes Zuhause. Ich plante auch Abu demnächst dahinzubringen, wollte aber vorher noch nach finanziellen Mitteln suchen, um eine geeignete Kraft einstellen zu können, die mit seinen speziellen Bedürfnissen umzugehen weiss. Ich hatte vor auch andere HIV-positive Kinder im Waisenhaus aufzunehmen. Finanziert werden soll diese Kraft durch das Patenschaftsprojekt, dass wir im Januar gestartet haben. Ich zeigte Abu das Faraja-Centre und er wollte auf Anhieb dableiben. Kinder zum spielen. Manche so klein wie er, selbst wenn sie jünger waren als er, sie schienen ihm wohl geeignete Spielkameraden zu sein. Wie seinen Brüdern hatte ich auch für ihn schon ein Bett gekauft. Er war sehr stolz darauf und er erzählte jedem sofort von seinem eigenen Bett und seinem zukünftigen Zuhause. Ich erklärte ihm, dass er sich nur noch ein bisschen gedulden müsse und dann könnte er auch da wohnen.
An meinem Geburtstag, dem 5. Januar besuchte ich Abu noch einmal, bevor ich selbst Besuch von meiner lieben Freundin, Rebecca bekam. Ich zeigte ihr Tansania, mein Zuhause und etwas von meiner Arbeit. An ihrem letzten Tag, dem 20.01. brachte ich sie schliesslich auch zu Abu. Ich war erschrocken, als ich ihn vorfand. In nur 2 Wochen hatte er merklich an Gewicht verloren, er war schwach und sass alleine in der dunklen Hütte. Schwach wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Seine grossen Augen waren gelb verfärbt. Lächeln konnte er noch und freute sich nun endlich Gesellschaft zu haben. Es ging ihm schlecht und man merkte wie sehr er sich nach Körperkontakt sehnte. Er schmiegte sich sofort an den Schoss meiner Freundin. Er liebte Fleisch, das war immer sehr rar und so war er froh über das Hühnchen, das wir mitbrachten. Es dürstete ihn sehr. Der Eimer mit Wasser, der in 2 Meter Entfernung zu ihm stand, war für ihn unerreichbar. Ich weiss nicht wie lange er da schon alleine vor sich hinvegitierte. Wir kauften ihm sein Lieblingsgetränk - Fanta und ein paar Kekse. Er versuchte zu essen, aber es fiel ihm schwer. Eine halbe Tasse mit Fanta brachte er auch nur mit Mühe herunter. Dann übergab er sich mehrfach und schlief vor Erschöpfung ein. Wir warteten bis die Grossmutter heim kam. Auf die Frage warum sie Abu in diesem Zustand allein liess, antwortete sie, sie musste Kleidung waschen, irgendwo am Fluss. Sie erzählte Abu ging es seit ca. einer Woche so, aber er wäre ja immer etwas kränklich. Jedoch spürte ich, dass es diesmal ernster war. Vielleicht Gelbsucht. Wir mussten weg. Nach Nairobi/Kenya, wo meine Freundin abflog. Ich begleitete sie, weil es für jemanden, der das erste Mal in Afrika ist, recht stressig werden kann alleine nach Nairobi zu reisen. Ich übernachtete sitzend in einem Café am Flughafen und nahm den ersten Bus zurück nach Arusha. Mein Weg führte mich gleich zu Abu. Diesmal war der Anblick noch schlimmer. Abu lag in seinem eigenen Erbrochenen, alleine! Er hatte die Augen verdreht. Sein kleiner Brustkorb hebte und senkte sich heftig. Ich sprach zu ihm. Er öffnete die Augen leicht und ich nahm in auf den Arm. Die Grossmutter kam und sie schien erleichtert, dass ich ihn ins Krankenhaus bringen wollte. Abu plapperte leise. Er wollte auf den Rücken Huckepack genommen werden. Er fragte ständig, ob wir den nun wieder mit dem Auto fahren würden, das machte ihm Spass und das erste Mal in seinem Leben sass er in einem Auto, als ich ihn zum Waisenhaus mitnahm.
Im Krankenhaus mussten wir etwa eine Stunde warten und mir kam es vor wie eine Ewigkeit. Er übergab sich ständig und ich machte mir grosse Sorgen. Der Arzt stellte fest, dass seine Leber gefährlich vergrössert sei und er unterernährt sei. Er müsse im Krankenhaus bleiben. Abu war selbst zu schwach um seinen Kopf zu drehen, versuchte aber alles Geschehen um ihn herum mit seinen grossen, schönen Augen, die mittlerweile aus den Augenhöhlen herausragten, zu verfolgen. Es wurde ihm Blut abgenommen und er schrie aus voller Seele. Mir fuhr es durch Mark und Bein. Sein Körper hatte die letzten Kräfte mobilisiert, um sich zu wehren. In Tansania bekommt man in der Krankenhäusern ausser medizinischer Versorgung sonst keinen Service. Essen, Körperpflege, Toilettengänge und sonstiges sind den Verwandten überlassen. Als er in seinem Bett lag, entkleidete ich ihn und wusch ihn mit einem feuchten Lappen. Wie er da so vor mir lag und das Licht unerbitterlich jeden Milimeter seines geschundenen Körpers freigab, wurde mir ganz übel. Er war nur noch Haut und Knochen. Jeder einzelne Teil seines Skelettes war unter der dünnen, von Ausschlägen übersäten Haut abgezeichnet. Er war schmutzig, roch nach Urin und überall hatte er offene Wunden, die davon zeugten, wie sehr ihn die Juckerei geplagt haben muss.
Ich konnte nicht Tag und Nacht bei ihm bleiben, was jedoch Voraussetzung war, damit er im Krankenhaus bleiben durfte. Ich entschloss mich die Grossmutter zu holen. Anfangs war sie nicht begeistert. Sie fürchtete, dass jemand in ihre Hütte einbrechen würde und ihr Geschirr stehlen könnte. Ich konnte es nicht fassen sie sorgte sich mehr um einige Plastiktassen und -teller als um ihren eigenen Enkelsohn. Ihre Einstellung änderte sich jedoch schon am nächsten Tag. Irgendwie schien ihr das Krankenhaus ein Gefühl von Luxus zu vermitteln. Es gab fliessend Wasser und ich brachte dreimal täglich Essen vorbei, dass sie sich wahrscheinlich nicht leisten hätte können. Auf jeden Fall erwähnte sie ihre Hütte nicht mehr und die Sorgen schienen verflogen.
Abu bekam Infusionen und Spritzen. Es schien ihm etwas besser zu gehen. Er verlangte nach Hühnchen. Jedoch ass er nicht, sondern leckte nur daran. Das einzige was er ab und zu zu sich nehmen konnte war Fanta und etwas Brei. Ich besuchte ihn 3 mal täglich um für ihn und seine Grossmutter Essen zu bringen. Sein körperlicher Zustand schien sich kaum zu verbessern, aber im Geiste war er klar. Er schien immer auf mich zu warten um aufs Klo gebracht zu werden. Er mochte es in den Arm genommen zu werden oder auf dem Rücken durch die Station getragen zu werden. Nach vier Tagen legten mir die Ärzte nahe mich nach einem Kinderspezialisten umzuschauen, da festgestellt wurde, dass sich bei Abu Flüssigkeit im Herzen angesammelt hatte. Es fiel ihm immer schwerer zu atmen. Ich brachte ihn in ein anderes Krankenhaus. Jedoch trotz der Professionalität der zuständigen Ärztin verschlechterte sich sein Zustand rapide. Ich hörte auf, seine Brüder in Krankenhaus zu bringen, weil ich dachte sie könnten den Anblick nicht mehr ertragen. Sie sollten ihn lieber erst wieder sehen, wenn es ihm besser gehen würde. Abu musste eine Woche nachdem ich ihn ins Krankenhaus brachte nun mit Beatmungsschläuchen beatmet werden. Infusionsnadeln wurden ihm in den Kopf gelegt. Er sprach nicht mehr und schlief fast nur noch. Auch im Gehirn hatte sich Flüssigkeit angestaut. Die Ärztin beruhigte mich und sagte, dass er schon wieder werden würde, er brauche nur viel Ruhe.
Am 31.01. um 7 Uhr morgens sah ich Abu das letzte Mal. An diesem Tag musste ich zu einer unserer Gruppen im Maasailand fahren. So brachte ich morgens auch gleich das Mittagessen mit. Abu öffnete die Augen als ich da war, aber er schien durch mich durch zusehen. Ich sprach mit ihm Nakupenda motto mzuri! (=ich liebe dich du schoenes Kind). Für einen Augenblick riss er die Augen weit auf und schien mich wahr zu nehmen. Mit seiner kleinen Hand hielt er meinen Finger. Ich spürte einen Schimmer von Kraft in seiner Umklammerung. Ich verabschiedete mich von ihm und sagte, dass ich bald wieder kommen würde. Er hatte wieder diesen leeren Blick und ich weiss nicht ob er mich überhaupt hören konnte.
In einer kleinen Lehmkirche etwa 60 km ausserhalb von Arusha hatten wir mit einer Gruppe Maasai ein Meeting. Es sollte evaluiert werden, was sie von dem 3-tägigen Workshop im November, über Hygieneaufklärung, Prävention bezüglich HIV/AIDS, Mutterschaftsvorsorge und schädliche Traditionen umgesetzt haben. Ein heftiger Regenschauer ergoss sich in der Zwischenzeit und die Heimfahrt wurde eine Rutschpartie im Schlamm. Gegen 18.00 Uhr erreichten wir Arusha. Ich kochte noch schnell eine meiner Tütensuppen fuer Abu und kaufte etwas zu Essen fuer die Grossmutter. Fast hätte ich die Fanta vergessen. Zwar konnte Abu nicht richtig trinken, aber wenn man ihm etwas auf die Lippen schmierte, leckte er es zumindest ab. Im Krankenhaus angekommen fand ich sein Bettchen leer vor. Wie immer war der ganze Raum voller Leute. Ein Krankenzimmer ist mit etwa 10 Betten belegt, die stets von einigen Verwandten und Freunden umkreist sind. Mir wurde heiss und kalt. Wo ist Abu? Ich vergass jegliches Kisuaheli und und versuchte auf Englisch zu fragen, wo denn der kleine Junge, der immer hier lag, geblieben sei. Ich bekam keine Antwort. Ich weiss nicht ob mich die Leute nicht verstanden oder ob keiner der Übermittler der Todesnachricht sein wollte. Da stand ich nun mit dem Topf voller Suppe, einer Tüte Essen, der Fanta und dieser schrecklichen Ahnung im Bauch. Ich entdeckte eine Krankenschwester und steuerte auf sie zu. Sie erkannte mich und ich musste gar nichts sagen. Oh, my dear, at 3.30 he passed away. Sie sprach aus, was ich schon wusste, aber nicht wahrhaben wollte. Ich glaube ich ging einfach ohne ein Wort zu sagen.
Ich startete das Auto, aber ich konnte nicht losfahren. Meine Sicht war verschwommen und es war bereits dunkel geworden. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen und sass da eine Weile. Dann rief ich einen Freund an, der mich schliesslich begleitete. Ich musste zum Haus der Grossmutter mein Beileid bekunden. Aber nachts alleine als weisses Mädchen in die Slums zu gehen, wäre zu gefährlich. Ich war sehr froh einen Begleiter zu haben. Auch wenn wir kein Wort sprachen. Einige Meter von der Hütte entfernt hörte ich schon das Schreien und Weinen. Als ich in die Hütte eintrat war mir, als ob ich Steine im Magen hätte. Im Schein der Öllampe sah ich die Alte am Boden sitzen. Zwei Nachbarinnen waren bei ihr. Sie seufzte und schluchtzte als sie mich sah. Die meiste Zeit war sie wohl nicht besonders gut zu Abu. Sie schlug ihn sogar. Aber nun war sie vom Schmerz des Verlustes gezeichnet. Der Alkohol, die Armut, ihr Alter
Sie wusste es wohl auch nicht besser mit Kindern umzugehen. Ich empfand Mitleid mit ihr. Sie packte meine Hand und küsste sie. Das war mir unangenehm. Ich befreite mich von dem Griff und umarmte sie. Wir weinten beide.
In dieser Nacht spielten sich Bilder in meinem Kopf ab. Von Abu. Ich versuchte mich auf die Bilder zu konzentrieren, wie er war, als es ihm einigermassen gut ging. Aber immer wieder drängten sich die Erinnerungen in meinen Kopf, wie elend er im Krankenhaus aussah, wie sehr er leiden musste. Es war einfach so unfair. Vielleicht hätte ich früher etwas unternehmen sollen? Ich wurde fast verrückt bei dem Gedanken, dass ich seine Brüder noch informieren musste. Und dann die Beerdigungsvorbereitungen
Und so schlimm wie ich es mir in dieser Nacht zum 01.02. vorgestellt hatte, war es dann auch. Ich versuchte einfühlsam zu sein, aber die Brüder traf es wie ein Schlag. Tränen kullerten unaufhaltsam über ihre Gesichter. Aber sie sagten kein Wort. Es war ganz still. Ich brachte sie zu ihrer Grossmutter, wo sie die Nacht verbringen sollten. Die Beerdigung sollte am darauffolgenden Tag stattfinden und ich hatte noch viel zu tun. Ich musste die bürokratischen Angelegenheiten regeln, Leichentücher kaufen, einen Platz suchen und jemanden finden, der die Leiche nach traditioneller Weise waschen sollte.
Nun, nach einigem Hin und Her konnte ich schliesslich alles regeln. Am 02.02. fand dann die Beerdigung statt. Ich transportierte den leblosen, in Leinen und einem Strohteppich gewickelten Körper zum Friedhof. Es war seine letzte Fahrt mit dem Auto. Diesmal nicht auf dem Beifahrersitz, sondern liegend auf den Rücksitzen. Bei der Zeremonie durfte ich als Frau nicht dabei sein, da Abu nach islamischen Glauben bestattet wurde. Nur drei Nachbarn, mein Freund sowie Franky und Hatschi nahmen teil.
Mit einem Kranz weisser Rosen, die die Unschuld meines kleinen Abus darstellen sollten, verabschiedete ich mich schlieslich alleine an seinem Grab.
Abu teilt sein Schicksal mit hunderten, tausenden afrikanischen Kindern. Dieses Bewusstsein vergrössert meinen Schmerz noch mehr. Mir wird immer wieder gesagt ich müsse den Willen Gottes akzeptieren. Aber ich kann nicht glauben, dass Gott so ungerecht handelt! Warum sollte einem kleinen Jungen das Leben gegeben werden, um ihn dann leiden und sterben zu lassen? Nein, wir, die Menschen sind es, die so etwas verursachen und uns alleine obliegt es solche Schicksale zu verhindern! Aufklärung und Bildung sind die Waffen, die wir im Kampf gegen HIV/AIDS einsetzen müssen. Wir sind verantwortlich!!!
Momentan versuche ich mich den ganzen Tag zu beschäftigen. Und das ist nicht besonders schwer, da viel Arbeit in den letzten Tagen, die fast nur im Krankenhaus verbracht habe, liegengeblieben ist. Ich habe angefangen die Zimmer des Waisenhauses zu streichen. Ich möchte das es etwas farbenfroher wird. Ich hole die Berichte nach, die schon länger fällig waren, fahre zu den Gruppen und plane meine verbleibenden 4 Monate. Durch die Gelder, die der Rotary Club sammeln konnte, habe ich nun auch die Möglichkeit, so einige Ideen in die Tat um zu setzen. Ich konnte Abu nicht helfen, aber mit Ihrer Unterstützung kann vielleicht dem ein oder anderen geholfen werden.
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