Berichte

Cocos Story
März 2007

von Petra Mild, Vilsbiburg

Coco ist 18 Jahre alt. Vor einigen Wochen noch wollte sie nicht mehr leben! Coco erzählt mir ihre persönliche Geschichte, die dem Schicksal so vieler anderer Menschen in Tansania gleicht.

Sie berichtet von ihrem ersten und bisher einzigem Freund. Er sei etwas älter, aber sehr gut aussehend gewesen. Sie traf ihn auf dem Markt beim Einkaufen. Er war sehr nett zu ihr und machte ihr viele Komplimente. Eine Zeit lang trafen sie sich immer wieder auf dem Marktplatz. “Er sagte er würde mich lieben und hätte das noch nie zuvor für ein Mädchen empfunden.”, schildert sie etwas wehmütig. “Er versprach mich bald möglichst zu heiraten und er meinte es gäbe keinen Grund mit dem Sex zu warten, weil wir ja für immer zusammen bleiben würden.” Coco hatte mehrfach ungeschützten Geschlechtsverkehr mit dem Mann. Nach einiger Zeit änderte sich jedoch sein Verhalten Coco gegenüber. Er wollte nichts mehr von Liebe und Heirat wissen, im Gegenteil er war sehr grob zu ihr und schliesslich trennte er sich. “Ich habe ihn noch öfter getroffen und jedes Mal mit einem anderen Mädchen. Ihnen mag er das gleiche erzählt haben wie mir.” Die Trennung sein nun etwa 1 1/2 Jahre her, aber Coco scheint immer noch sehr verletzt zu sein. “Ich habe ihn wirklich geliebt, ich hätte sonst wirklich nicht mit ihm geschlafen.”
Einige Monate nach der Trennung litt Coco unter einer schweren Malaria und musste im Krankenhaus behandelt warden. “Es ging mir sehr schlecht und die Ärzte machten mehrere Tests.” Coco berichtet nun mit einer sehr leisen Stimme. Ihr Blick ist starr und leer. “Als sie mir sagten ich sei positiv, verstand ich erst nicht. Nachdem mir der Arzt erklärte , dass das bedeutet ich sei mit dem HI-Virus infiziert und wäre deswegen so schwach, wurde ich ohnmächtig.” Bevor man Coco aus dem Krankenhaus entliess, wurde ihr geraten, sie solle ihre Ernährung umstellen und am Besten offen zu ihren Eltern sein. “Meine Familie ist arm und das einzige Einkommen das wir haben, ist aus einem kleinen Geschäft, in dem ich früher mitgearbeitet habe. Die Diät, die mir empfohlen wurde, wie frisches Gemüse, hätten wir uns nicht leisten können. Ich entschied mich meinen Eltern nichts zu sagen.” Coco erzählt weiter, dass sie sich nach der Malaria nicht wirklich erholt hatte. Die ganze Zeit über fühlte sie sich schwach und müde. “Meine Eltern fragten immer nach, was denn mit mir los sei. Als ich wieder krank wurde, machten sie sich grosse Sorgen. Ich konnte kaum aus dem Bett aufstehen und musste wieder ins Krankenhaus.” Coco bekam neben Malariatabletten auch sogenannte ARAVs, die den Virus für einige Zeit unterdrücken können. ARAVs werden kostenlos von staatlichen Krankenhäusern vergeben und Coco nimmt sie nun regelmässig ein.
“Meine Eltern waren nach meinem 2. Krankenhausaufenthalt wirklich sehr in Sorge. Ich hatte Angst, aber ich entschloss mich ihnen die Wahrheit zu sagen.” Hier machte Coco eine auffallend lange Pause. Bevor sie weiter erzählte, sagte sie mit zittriger Stimme: ”Ich liebe meine Eltern, meine ganze Familie! Sie sind gute Menschen!” Dann berichtet Coco weiter was geschah, als sie ihre Eltern über ihren Zustand aufgeklärt hatte. “Meine Mutter war entsetzt und weinte bitterlich. Mein Vater war sehr böse mit mir und beschimpfte mich. Ich sei eine Hure und müsse sein Haus verlassen.” Coco hat Tränen in den Augen. Das Erlebnis mit ihren Eltern scheint sie mehr getroffen zu haben als alles andere. “Nachdem mein Vater so wütend war, lief ich hinaus und versteckte mich hinter dem Haus. Von dort aus konnte ich meine Eltern sprechen hören. Meine Mutter flehte meinen Vater an mich nicht zu verstossen.” Coco durfte bleiben, aber die gesamte familiäre Situation veränderte sich drastisch. “Mein Vater hat mich seither nicht mehr wirklich angeschaut. Er behandelte mich als ob ich nicht existieren würde. Auch meine Mutter sprach kaum ein Wort mit mir. Es wurde mir verboten mit meinen kleinen Geschwistern zu spielen oder sie anzufassen. Im Geschäft durfte ich nicht mehr arbeiten, ich würde die Waren verseuchen. Ich musste in einem Schuppen ausserhalb des Hauses schlafen. Meine Mutter gab mir einen Teller, einen Becher und Besteck, das ausser mir keiner anfasste. Ich wurde als Aussätzige behandelt. Jeder aus meiner Familie ging mir aus dem Weg, sie schienen Angst vor mir zu haben. Freunde hatte ich noch nie wirklich viele, weil ich als älteste Tochter die meiste Zeit zu Hause oder im Geschäft helfen musste. Ich konnte mit keinem sprechen und fühlte mich schrecklich einsam und schuldig. Ich hatte mich selbst in diese Situation gebracht und ich hatte meine Eltern enttäuscht. Ich hatte das Gefühl keiner liebt mich und niemand wird mich jemals lieben. Wer will schon ein Mädchen wie mich? Ein Mädchen, das HIV-positiv ist. Es war einfach alles zu viel. Ich wollte nicht mehr leben!” Coco kaufte sich Rattengift und nahm es ein. Glücklicherweise wurde sie noch rechtzeitig gefunden. Ihrer Aussage nach weiss sie bis heute nicht, wer sie ins Krankenhaus brachte.
Noch im Krankenhaus hörte Coco von AGAPE, eine Gruppe, deren Mitglieder alle HIV-positiv sind. AGAPE ist eine Selbsthilfegruppe, die von HIMS betreut und unterstützt wird. Coco wohnt nun bei einem der Gruppenmitglieder und wird durch ein HIMS-Projekt zur Schneiderin ausgebildet, so dass sie später selbstädig sein kann. “Ich habe nun Freunde gefunden, die mich verstehen und mich wirklich mögen. Sie versuchen mir zu helfen, wo sie nur können. Ausserdem habe ich nun eine Aufgabe und möchte eine gute Schneiderin werden.”, sagt Coco mit einem Funkeln in ihren Augen.
Sie scheint nun wieder Lebensmut gefunden zu haben. Sie möchte das Beste aus ihrem Leben machen, so lange es auch dauern möge.

Die Angst vor HIV/AIDS in Tansania ist gross, das Wissen darüber jedoch sehr gering. Offiziell sind 8,8% der tansanischen Bevölkerung von HIV/AIDS betroffen. Die Dunkelziffer mag jedoch weitaus höher sein. Viele trauen sich erst gar nicht zu einem Test zu gehen, andere fürchten sich ihre Infektion öffentlich zu machen, weil sie Angst vor Diskriminierung und Stigmatisierung durch die Gesellschaft haben. Und das nicht ohne Grund …